Von der Stadt aufs Land. Im Winter.

WintergartenHeader

Ein Winterausflug in den Wintergarten. Und was sonst noch so los war.

Auch wenn Sonntag ist, es gibt immer so Spezialisten, die einen aus dem Schlaf schrecken. Die Spezies von Menschen, die den Schnee nicht räumen, wenn er frisch gefallen ist. Nein, sie müssen am nächsten Tag, wenn er bei Minus 4 Grad so richtig schön auf dem Boden angefroren ist, ihre Schneeschaufel auspacken und versuchen das nun zu Eis gefrorene vom Boden abzukratzen. Krk, krk, krk., schab-schab. Die Nacht war schon morgens gelaufen und der Tag ebenfalls.

Ok, dachte die Großstädterin, was machen wir mit dem schönen Sonntag? Etwas Sauerstoff gegen die Müdigkeit vielleicht? Die Sonne schien, auf dem Balkon lag eine dünne Schneeschicht, es sah so freundlich aus. Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug aufs Land in den Kleingarten im Nachbarstadtteil, um den mittlerweile zweijährigen Rosmarin warm einzupacken und so über einen weiteren Winter zu bringen? Flugs geduscht, sich warm eingepackt, bewaffnete ich mich mit 2 Donuts und einem halben Liter Karottensaft und machte mich auf den Weg zum Auto.

Auto? Welches war es nur? Eine Reihe Schneehauben stand in der Straße um die Ecke, unten konnte man noch Räder erkennen, mehr nicht. Nur gut, dass mein betagter Kleinwagen ein typisches Merkmal hat: eine schräge Antenne. Dies erhöht den Wiedererkennungswert unheimlich. Nachdem ich bei einer der Schneehauben auch etwas roten Lack hindurch schimmern sah, war ich sicher, es ist mein eigenes. Alles kein Problem, im Auto liegen ja Besen, Eiskratzer und Co, irgendwie wird sich das Gartentransportmobil schon von Schnee und Eis befreien lassen. Schlüssel ins Türschloß, herumgedreht, Türgriff anheben, Tür geht nicht auf. Festgefroren. Schon in diesem Augenblick geht mir durch den Kopf „Klasse, super, wenn mir jetzt wieder einer zuschaut, dort hinter den Vorhängen in den warmen Stuben der Altbauwohnungen“. Man möchte sich ja ungern blamieren. Etwas ratlos stand ich da am gefundenen Auto, überlegte kurz, ob ich den kleinen Ausflug nicht doch besser bleiben lassen solle. Auch die Beifahrertür klebte fest, als hätte es Zwei-Komponenten-Kleber geregnet und nicht Schnee.

Nun gut, es gibt ja noch die dritte Tür, die des Kofferraums. Er ließ sich öffnen, ich warf einen kurzen Blick hinein und schon hielt ich triumphierend einen Teil des Achskreuzes zum Radwechsel in der Hand. Es ist an einer Seite abgeflacht, ähnlich wie bei einem Schraubendreher und dient normalerweise dazu, die Radabdeckungen abzuhebeln, damit man an die Radmuttern kommt. Ich hebelte mit diesem aber nicht Radkappen ab, sondern meine Fahrertür auf. Bewaffnet mit Besen und Eiskratzer befreite ich daraufhin breit grinsend (schließlich hatte ich es den Spaß habenden Lästermäulern hinter ihren Fenstern ja eben ordentlich gezeigt) eine halbe Stunde lang mein Auto von Eis und Schnee.

Zwischendurch gab es immer mal etwas Abwechslung, ein Autofahrer, der seinen Blinker setzte und auf meine Parklücke wartete, dabei waren erst zwei von sechs Scheiben frei, welch Optimist. Ein mitleidiger Blick von mir genügte und er fuhr von dannen. Ich erspare mir aus Anstand an dieser Stelle Schimpfworte, die mir durch den Kopf gingen. Denken diese verstrahlten Leute tatsächlich, dass es mit der Schneebefreiung schneller geht, wenn sie ihren Blinker setzen und sich hinter ihnen eine Schlange von drei Autos bildet? Aussteigen hätte er sollen und helfen, das wäre sicher schneller gegangen.

Ich ließ mir meine gute Laune jedoch nicht nehmen und hatte endlich irgendwann das Auto freigelegt. Zumindest dort, wo ich drankam, das mit dem Autodach ist immer so eine Sache. Gut und gerne 20 Zentimeter Schneeflocken stapelten sich darauf, ich weiß, es ist nicht erlaubt, so zu fahren. Aber ich kam einfach nicht dran, wer schippt schon sein Auto in Highheels frei, die einem 10cm Körpergröße mehr schenken? Ein flacher Sportwagen wäre sicher im Winter hilfreich, aber nicht im Sommer, wenn Sackweise Perlite, Rindenmulch und Blumenerde transportiert werden wollen. Ich füllte 3 Liter Frostschutz in den Tank meiner Scheibenwaschanlage (ja, auch die Motorhaube ließ sich öffnen, das Auto ist einfach klasse) stieg ein, es sprang an und guter Dinge parkte ich aus. Dass ein Fahrzeug dermaßen dämlich neben mir parkte (Kennzeichen Offenbach, das haben wir hier besonders gerne) und ich wegen diesem fünfmal übers Eis rangieren musste, lasse ich an dieser Stelle mal weg. Mir platzt jetzt noch die Hutschnur.

Der Weg zu meinem Garten ist nicht weit, hätte ich nicht einiges zu transportieren gehabt am sonnigen Sonntag, ich hätte auch laufen können. Oder den Bus nehmen. In der Gartenhütte lagerten jedoch meine Chili-Anzuchtkästen, drei Flaschen herrlichen Demeter-Weins, das Eisfach vom Gartenkühlschrank musste geleert werden, zu Fuß schlecht zu bewerkstelligen. Mit meinem Gartenkühlschrank ist es nämlich auch so eine Sache: wird es draußen kälter als bei ihm innen, taut er einfach ab, der Schlingel. Nimmt man ihn den Winter über komplett vom Strom, dann geht sein Aggregat kaputt, herrlich, diese ihm eigene Technik. Aber das nur am Rande.

Ich fuhr die Seckbacher Landstraße hoch, eine Spur von Schneewehen, die vom Autodach fielen, hinterlassend. Dies hatte den großen Vorteil, dass andere Autofahrer gebührend Abstand hielten, ich finde so ein Schneedach manchmal praktisch. Ich rief lachend den Leuten zu „Keine Sorge, das auf dem Autodach ist nur mein Sahnehäuchen“, bis mir einfiel, dass sie mich ja gar nicht hören konnten. Die Fensterscheiben waren ebenfalls festgefroren und ließen sich beim besten Willen nicht herunterkurbeln. Macht nichts, so konnte ich auch nicht hören, wie die eingestäubten Fußgänger an der für sie roten Ampel schimpften. Im Vorbeifahren sah ich einen Bornheimer, der das Dach seines alten VW-Bus mit einem Gehwegbesen befreite. Auch eine gute Idee, nur passt so einer halt nicht in mein Auto.

Ich parkte wie immer in einer Straße, von der aus man nur einen schmalen vereisten Trampelpfad entlangschlittern muss, um meinen Garten zu erreichen. Dort angekommen, steckte ich den Schlüssel in das Gartentorschloss. Vielmehr, ich versuchte es. Auch dieses war eingefroren. Kennt Ihr diese Rundschlösser von Abus, die man nicht mit einem Bolzenschneider durchbekommt, weil sie rund sind? Disc-Schlösser heißen sie, sie sind recht teuer, nach mehreren Einbrüchen in die Gärten bei uns hatte ich mir für Gartentor und Geräteschuppen genau diese zugelegt. Dass diese Schlösser jedoch vom eigenen Besitzer im Winter bei Frost nicht zu öffnen sind, hätte mir vielleicht schon früher jemand sagen sollen. Sie kosten das Doppelte, sind jedoch nicht gegen Feuchtigkeit geschützt, bei solchen Dingen geht mir oft durch den Kopf „Das kann nur ein Mann erfunden haben“, lauf fluchend rüttelte und schüttelte ich das Schloss, bis sich das Eis innen löste und ich endlich in meinem Garten stand.

Eine komplett geschlossene Schneedecke, so hatte ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen, allein dieser Anblick entschädigte mich. Erstmal. Ich blickte nach rechts und entdeckte eine Anhäufung unter dem Schnee, die mir so nicht bekannt vorkam. Ich muss dazu sagen: wir Kleingärtner bekommen im Winter immer das Wasser abgestellt, damit die Leitungen nicht zufrieren, das Hauptrad für den Wasseranschluss befindet sich in einem kleinen Schacht. Dieser wiederum ist bei mir mit Styropor als Winterschutz ausgelegt, damit die Wasseruhr nicht einfriert. Und eben dieses Styropor lag angehäuft neben meinem Schacht, irgendein netter Mitbürger kam wohl auf die hervorragende Idee, sich in einer A*schkalten Gartenhütte waschen zu wollen mitten im Winter. Anders kann ich mir es zumindest nicht erklären. Vielleicht sollte ich ein Schild aufhängen „Wasser ist abgestellt“. Fluchend suchte ich unter dem Tiefschnee die Styroporteile zusammen, warf sie in den mit Schnee bedeckten Schacht, fand auch die Abdeckung wieder und verschloss ihn damit.

Von dort aus ging es zum kleinen Gartenteich, mit Entsetzen stellte ich fest, dass er schon jetzt, nach einer kalten Nacht, zugefroren war. In ihm leben seit diesem Sommer neben Molchen auch drei Goldfische, Chili, Pepper und Hot. Ich versuchte sie im Herbst noch einzufangen, um sie den Winter über bei einer Gartenfreundin im tieferen Teich zu parken, mein Teich ist nur 60 cm tief. Mich hatte das, bewaffnet mit einem Käscher, fast einen ganzen Nachmittag gekostet und ich musste sie leider ihrem winterlichen Schicksal hinterlassen, sie waren einfach zu flink. Mittlerweile liegen sie wohl auf dem Teichgrund in Winterstarre, wenn der Fischreiher oder eine streunende Katze sie nicht geholt hat, wer weiß. Gesehen hatte ich sie im Herbst seit der Rettungsaktion nicht mehr. An einer Stelle des Teiches, wo Wasserpflanzen wachsen, war eine Lücke im Eis, ich vergrößerte sie und hoffe, dass genügend Sauerstoff die drei erreicht. Wer will schon tiefgekühlte Fischstäbchen im Gartenteich?

Weshalb war ich eigentlich hier? Ach ja, genau, Rosmarin einpacken. Ich schloss die Gartenhütte auf und  holte den Schlüssel des Gerätehauses, um die Winterschutzvliese zu holen. Hatte ich weiter oben schon erwähnt, dass eben dieser Schuppen das gleiche Schloss hat wie mein Gartentor? Richtig, es ist das gleiche verflixte tolle Schloss und bei eben diesem ließ sich gar nichts bewegen, nicht einmal die Spitze des Schlüsselbartes ließ sich hineinstecken. In der kompletten Gartenhütte war nichts zu finden, womit ich es hätte auftauen können. Und auch kein Vlies zum Winterschutz des Rosmarin. So machte ich noch ein paar Bilder mit meinem Handy, das dabei in den tiefen Schnee fiel, packte alle Dinge ein, die ich mitnehmen wollte und schloss mein Gartentor wieder ab. Beziehungsweise, ich versuchte es. Durch den hart gefrorenen Boden war mir nicht möglich, es so nahe heranzuziehen, damit ich das Schloss einhängen konnte. Aber, welch Glückstag, nach einigen Minuten kam ein weiterer Großstädter mit geschulterten Langlaufskiern vom Seckbacher Huthpark heruntergelaufen, ich bat ihn, ob er mir bitte helfen könne, er zog am Tor, ich schloss das Schloss und fuhr nach Hause.

Und der Rosmarin? Ich dachte im Moment der Suche nach Vlies nicht daran, wenigstens seine Zweige mitzunehmen, um deren Blättchen zu dörren, damit ich noch etwas von ihm habe. Die Geschichte des herrlichen Wintertages wird sich wohl wiederholen. 😀

Ach ja, aber meine letzte Erbse im Garten lebt noch, ist das nicht toll?

Wintergarten-Impressionen:

 

 

 

 

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17 Kommentare zu “Von der Stadt aufs Land. Im Winter.

  1. Ich drücke Dir die Daumen, dass es der Rosmarin auch ohne Vlies schafft. So eine dicke Schneedecke ist ja auch ein Wärmepolster. Nur so richtig knackig kalt darf es nicht werden. Bei uns im Harz warten wir noch auf Schnee. Morgen soll er kommen…

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  2. Nicht halb soviel Schnee oder Sonne ist bei uns.
    Graues, eisiges Winterwetter, dem ich ein langes Bad entgegen gesetzt habe.
    Das Sonnenlicht muss das Kaminfeuer ersetzen und es gibt sein Bestes.
    Im Waschhaus grünen Rosmarin und Salbeitopf und erzählen den dort schon wartenden Palmen Geschichten vom Winter und Frost.;-)

    Wunderschöne Bilder waren das bei dir, danke sehr.

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