Ich gebe meinen Garten auf.

Oder: warum auf meinem Balkon ein Baum steht. 

Adieu_Garten_Header

Ich muss weit ausholen, der Abschied fällt mir wirklich nicht leicht. Vor 6 Sommern übernahm ich einen völlig verwilderten und heruntergekommenen Garten, um dort Chilis anzubauen. Der Platz auf dem Balkon ließ immer nur so um die 26 Pflanzen zu, irgendwann war mir das zu wenig. Mit der Zeit wuchs der Wunsch, in der Freizeit etwas zu gärtnern. Wenn das Kind größer wird, sollte man sich schließlich auch ein Hobby zulegen, also, warum nicht?

Es begann im Jahr 2008, als Freundin Siegrid ihren Garten bekam. Ein Kumpel und ich beteiligten sich an ihm und so wurden die ersten Chilis angebaut. Daher stammt übrigens auch der Titel „Landfrau“, ein Freund nannte uns immer die „Bernemer Landfrauen“ (Bernem ist einheimisch hier für Bornheim), wenn wir stundenlang in der Erde wühlten. 😀  Immer mal fiel dabei mein Blick auf den verwahrlosten Nachbargarten nebenan, der Pächter dessen ließ sich selten blicken und wenn er mal da war, versenkte er eine Kiste Bier im Gartenteich, grillte, fuhr mit dem Rasenmäher über die Beete, hinterließ seinen Grillmüll in einem Sack auf der Wiese und ward dann für Wochen nicht mehr gesehen. Er bekam den Garten schließlich vom Verein gekündigt, weil Tiere nachts den Müll aufrissen und überall verteilten, er fütterte praktisch Ratten damit. Ich war bereits beim Gartenverein auf der Warteliste angemeldet für ein kleines Paradies, so erhielt ich im Folgejahr 2009 den Zuschlag und startete im April.

Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Stunden ich brauchte, um das Efeu aus dem Zaun zu schneiden. Es war heiß damals, da ich die alte grüne, bereits verrotende Mattenbespannung vom Zaun entfernt hatte, stand ich bei über 30 Grad tagelang in der prallen Sonne am Zaun und „erntete“ kiloweise Efeu. Sechs blaue Müllsäcke voll waren es. Gartennachbarin Siegrid und ein Freund von ihr (Herr B.) halfen, mit einer neuen Folie den Zaun neu zu bespannen und 13 Meter Weidezaun davor zu befestigen.

Mit der Gartenhütte sah es nicht anders aus. Das Dachholz faulte rundum, Regenrinnen hingen bereits herunter, sie verfiel zunehmend. In der Hütte im Einbauschrank waren wohl die Kleidermotten aktiv, hunderte toter Motten putze ich heraus. Der Holzboden der Hütte stellte sich als völlig unbrauchbar heraus, er besteht aus Holzplanken, durch die man auf das 40 cm tiefer gelegene Erdreich gucken konnte, nachdem ich den alten PVC-Boden des Vorpächters herausgenommen hatte. Da die Hütte auf Streifenfundamenten gebaut wurde und die Holzdielen dadurch bei jedem Schritt schwingen, war mir das zu unsicher. Vor allem war auch die größte Gefahr, dass sich Nager durch das Holz beißen. Die Hütte aufschließen und von der ein oder anderen Ratte begrüßt zu werden, schien mir doch etwas zu abenteuerlich.

Nun gut, in Baumärkten kannte ich mich ja mittlerweile aus: der Zaun wurde dort gekauft und mit Hilfe von Freunden transportiert. So fragte ich „Maggus“, der ein größeres Auto als ich besitzt, ob er mir vielleicht Spanplatten transportieren könnte und dank seiner Hilfe konnten wir 18 qm Spanplatten auf meine Schubkarre gewuchtet vom Auto in den Garten schieben. Gartennachbarin Siegrid und Herr B. (der  Zaunhelfer) verlegten meinen Boden neu, ein netter Nachbar von gegenüber lieh ihnen hierfür eine Tischkreissäge.

Einen Dachdecker ließ ich kommen. Er fragte „Regenrinnen aus Kunststoff oder verzinkt?“. Da in meinen Augen, nicht verwöhnt durch eine Mietwohnung, die Gartenhütte geradezu eine Villa war, entschied ich mich für verzinkte Regenrinnen. Diese Sache kam mich teurer zu stehen, als Zaun und Fußboden: die Dachreparatur kostete mich mit Material allein 1000 Euro. Dass der gute Mann (ich hätts mir denken können, er kam aus Offenbach, grr) komplett pfuschte, konnte ich von unten aus nicht sehen, auf Leitern klettern ist nicht so meins. Zwei Jahre später dichtete Gartenkumpel Günni, der mich auch heute noch immer mal im Garten unterstützt, das Dach nach, weil es reinregnete.

Die damals schon vorhandenen Beete waren in noch katastrophaleren Zuständen, drei Wochen lang kam jeden Tag eine andere Freundin vorbei, um in mühevoller Kleinarbeit UnWildkraut samt Wurzeln aus dem Boden zu ziehen. Jede ließ mir ihre Schuhe da, ich habe dann demnächst übrigens einen Schuhflohmarkt mit allen Größen anzubieten. 😀  Wir lasen tausende dieser kleinen Mini-Blumenzwiebeln der Blauen Traubenhyazinthe aus der Erde der Beete, auf der Wiese standen unter dem Baum in der Mitte des Gartens hunderte von Chilipflänzchen, die ich zusammen mit einem Freund gezogen hatte und warteten auf Einpflanzung. Zeit lassen konnte ich mir damals nicht, es musste alles zügig erledigt werden. Man trägt ja Verantwortung für die Pflanzen.

In den Folgejahren kamen nach und nach Verbesserungen: Meine Gartengerätschaft konnte im Jahr 2011 endlich in ein Gerätehaus einziehen, dieses bekam ich geschenkt und von sehr lieben Menschen aufgebaut. Das Fundament dafür entstand in einer Dreckecke neben der Hütte, dort hatte der Vorpächter immer mal sein dreckiges Geschirr entsorgt. Warum spülen, wenn wegwerfen so einfach ist, war wohl sein Lebensmotto. Ich bezahlte einen Handwerker, der aus der Erde Teller, Bestecke, Schüsseln, Eimer und alles noch unmögliche herausholte, den Boden ebnete und die Fundamentplatten auf feinem Kies verlegte. 300 Euro rief er mit Material dafür auf, im Vergleich zum Dachdecker war das ein Schnäppchen.

Fast der ganze Garten bestand aus Wiese. Die Hälfte davon grub der Gartennnachbar der anderen Seite im Winter einfach mal um. Ihm sei langweilig gewesen, sagte er damals. Ich kam Winters kurz vor Weihnachten in meinen Garten und dachte, ich hätte mich in der Tür vertan. Rund um den kleinen  Gartenteich, der vorher nur der Bierkühlung diente, war alles ordentlichst umgegraben und mit Kantensteinen eingefasst. Ich war völlig perplex, hatte doch nur mal erwähnt, was ich alles noch so vorhabe und der Nachbar setzte es einfach in die Tat um. So musste ich nicht mehr 2 Stunden pro Woche mähen, sondern nur noch eine.

Mein erstes Gewächshaus  war ein Folienhaus mit Regalen, das bei jedem Windstoß umfiel. Erst als die Regale mit Steinen beschwert wurden, blieb es standhaft. Seit 2013 bin ich stolze Besitzerin eines kleinen Gewächshauses, dessen Aufbau fast teurer war, als das Haus selbst. Dieses hatte ich im mittlerweile insolventen Baumarkt „20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“ gekauft, als es 20 Prozent gab. An mir lag die Insolvenz der Baumarktkette aber sicher nicht. Das Geld für das alte Folienhaus bekam ich erstattet, da der Händler keine Ersatzfolien vom Hersteller mehr erhielt. So wurde das Gewächshaus noch günstiger und die Regale des Folienhauses passten exakt hinein, ich machte Luftsprünge damals.

Und dann ist da noch der Maulbeerbaum (Morus Nigra) mitten im Garten. Er dürfte mittlerweile ca. 8 Meter hoch sein, wenn er Früchte trägt (manchmal setzt er auch ein Jahr aus) wird der Garten lila. Jahrelang plumpsten die reifen Früchte in den Gartenteich und er gärte dann im Sommer. Erst als Gartennachbarin Siegrid mir 2014 ein feines Netz schenkte, wurde das besser. Drei kleine Goldfische mit den Namen Chili, Pepper und Hot tummeln sich in ihm. Molche gibt es auch, diese entdeckte ich, als ich den Teich im Jahr 2011 fast leerpumpte, zwischen Glasscherben auf dem Teichgrund.

Zurück zum Maulbeerbaum. Natürlich googelte ich, nachdem mir bei der Wertermittlung des Gartens gesagt wurde, dass es einer ist, sofort nach ihm. Ach, mein Herz ging auf wie ein Kreppel, die Geschichte, warum die Maulbeere schwarz wurde ist einfach zu schön. Ich schwor mir, ihn nie zu fällen und hoffe, der Nachpächter meines Gartens wird dies auch nicht tun. Da ich ihn zufällig kenne (er steht schon lange auf der Warteliste vom Verein und bekam den Zuschlag) und ihm den Link zu diesem Beitrag schicken werde, hoffe ich, er lässt ihn stehen. Der Baum spendet Schatten, die lila Füße von den heruntergefallenen Maulbeeren gehen nach ungefähr 8 Wochen vorüber und man kann aus den Früchten wundervolle Gelees kochen oder Maulbeeressig machen. Mit letzterem bereite ich übrigens seit 2 Jahren meine Chilisauce zu. Ich fotografierte meinen Baum, als ein Sonnenstrahl durch ihn fiel wie das Schwert des Pyramus. ich liebe diesen Baum, also lasst ihn bitte stehen. Zurückschneiden: Ja. Fällen: Nein, bitte nicht. 🙂

Adieu_Maulbeerbaum

Ich resümiere nun: alles in allem gab mir der Garten unheimlich viel. Es war harte Arbeit, aber man schläft nach Gartentätigkeiten übrigens unheimlich gut. Praktisch so, als hätte man eine Schlaftablette genommen. 😀  Es gab reiche Ernten, viele Fortschritte, aber auch herbe Rückschläge in den sechs vergangenen Sommern. Für mich alleine war der Garten trotz vieler Hilfen (für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte, Ihr alle seid wirklich die besten!) einfach zu groß. Ich opferte phasenweise jede freie Minute, es gibt trotzdem immer noch Ecken, wo ich einfach nicht mehr weiterkomme und resigniere. Perfekt wird ein Garten nie sein, sollte er  ja auch nicht. Trotzdem bin ich so nicht zufrieden und der unaufhaltbare Alterungsprozess (ich gehe langsam, aber stetig auf die Fünfzig zu) tut mit Gelenkschmerzen und den ein oder anderen Zipperleins auch einiges dazu.

Als ich gestern alle Bilder zusammensuchte, die ich noch habe (ich berichtete ja schon, dass mir in den letzten Jahren 2 Festplatten kaputt gingen), wurde ich immer trauriger. Zu jedem Bild könnte ich eine Geschichte schreiben, doch auch dazu fehlt mir trotz Gartenaufgabe die Zeit. Der Einfachheit halber und damit ich nicht schon nach 4 Monaten das Datenvolumen meines Blogs sprenge, habe ich gestern die Fotos auf der StadtLandfrau-Facebook-Seite nach Jahren sortiert dort in öffentlichen Alben angelegt. Leider hat Facebook zwei Jahre durcheinander gewirbelt und ich habe auch alle Bilder nicht nachbearbeitet, bitte die Qualität entschuldigen. Man kann sie auch ohne Facebook-Login ansehen, viel Spaß dabei, hier geht es zu den Jahren in Garten 1:

Ich nehme Abschied von meinem geliebten Garten. Machs gut, Adieu, Goodbye.

Adieu_Garten1

Und was macht nun der Baum auf meinem Balkon? Äh ja, ich habe letzte Woche auf Drei-Zwei-Eins-Meins einen Maulbeerbaum für 10,50 Euro ersteigert. Er ist 1,50 Meter hoch und wird im März in meinen neuen Garten eingepflanzt. Ich ziehe nämlich um. 😀

Doch darüber berichte ich dann ein anderes Mal. 🙂

[ Edit: Und der Baum war übrigens im Paket das neben der Seife von Eckisoap am Freitag ankam, Danke an AnDi für daran erinnern. 🙂  ]

Erste Eindrücke von meinem Garten 2 gibt es hier.

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48 Kommentare zu “Ich gebe meinen Garten auf.

  1. Da fällt mir ja ein Stein vom Herzen: Beim Lesen dachte ich immerzu, Oh wei, wird sie dann gar keinen Garten mehr haben, das wäre wirklich sehr schade. Aber wenn es einen neuen Garten gibt, ist ja (fast) alles gut…. LG Christina

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  2. Wenn man deine Gartenfotos so sieht, kann man sich schon vorstellen, wie viel Fleiß da drin steckt. Ich wäre auch traurig, den Garten aufzugeben. Aber mit all den gesammelten Erfahrungen macht es sicher auch Riesenspaß, den Nachfolger zu gestalten! Viel Spaß beim Planen! Liebe Grüße Gaby

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  3. Ich bin auch erschrocken, als ich den Titel gelesen habe… und umso mehr erleichtert und froh, dass du einen neuen Garten bekommst… ein neuer Anfang ist schwer aber auch seeeeeehr spannend und schön!
    Lieben Gruß
    Alexia

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  4. Oh.. das war ja echt viel Arbeit.. aber toll ist es geworden.
    Ich verstehe noch nicht so ganz warum Du jetzt wieder neu anfängst.
    ( 😉 so soo… sie geht auf die 50 zu.. ich glaube ich überdenke alle meine Pläne noch mal, ich gehe mit riesen Schritten auf die 60 … 😦 )
    LG, Petra

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  5. *boaaaaaaaaaaar…

    jetzt habe ich aber einen richtigen Schreck bekommen bei deiner Blogüberschrift
    und *GottseiDank gleich erst mal nach ganz unten gescrollt.

    Freude, Freude, du hast einen NEUEN !!!

    Ich habe mir auch deine über 1000 Fotos in den Alben auf Facebook alle angeschaut und bin begeistert.
    Weiß gar nicht, wo ich zuerst mit schwärmen anfangen soll, aber ein Insekten-Hotel ist einfach das Größte ❤

    Der farbige Mais hat mich auch total fasziniert und natürlich deine Chili-Ernten, einfach ein Traum.

    Es ist wirklich ein großes Grundstück und viel Arbeit und was du aus diesem heruntergekommenen Garten gemacht hast, meinen RESPEKT hast DU !!!
    Dein Nachfolger kann sich freuen 😉

    Wünsche dir schon jetzt einen super tollen Start im neuen *Paradies und gute Ernteerfolge…

    herzlichst Uschi

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  6. Aha, das war also in dem großen Paket: der Neuanfang in Baum-Form! 🙂

    Oh, wir können uns vorstellen, dass Dir das Aufgeben des Gartens sehr schwer fällt. All die Geschichten und das Erlebte, die vielen Rückenschmerzen 😉 , das viele Lachen und die vielen Begegnungen mit Mensch und Tier…. Nimm dies mit und starte damit im neuen Garten durch!

    Wird der neue Garten denn direkt an einer neuen Wohnung sein, oder ist es wieder ein Schrebergarten?

    Liebe Grüße und noch einen schönen Restsonntag
    AnDi

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  7. Meine Mutter hat auch so einen Garten, den sie von ihrem Vater übernommen hat. Mein Opa hat dort früher alles mögliche angebaut, eigentlich ist es eher ein Acker, und so nennen wir ihn auch. Also entweder Nutzfläche oder Sand… es gab nie Rasen.
    Meine Mutter kann sich davon nicht trennen, obwohl er so viel Arbeit macht. Ich kann dich gut verstehen.

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  8. eiei, mein alter herr hat grade eben seinen garten auch abgegeben. traurig das! man geht irgendwie doch eine innige verbindung mit den lebewesen in ihm ein.
    schön,dass es bei dir einen neustart gibt!
    und einen ganz kleinen maulbeerbaum gibt es auch seit kurzem bei uns ♡
    lieben Gruß kerstin

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