Augenblicke

Ich weiß nicht, wie andere Menschen empfinden, wenn man Freitagabends kurz vor Feierabend der Supermärkte eine Papiertüte voll Obst aus dem Supermarkt die belebte Straße des Heimatstadtteils Richtung nach Hause trägt und dabei einen Menschen im Schlafsack vor einem Schaufenster am Boden schlafend zwischen seiner wohl auf der Flucht übrig gebliebenen Habseligkeiten liegen sieht.

Schon aus der Ferne sah ich ihn dort ruhen und griff, kurz bevor ich auf seiner Höhe war, in meine Einkaufstüte, um ihm ein paar Litschis in den neben ihm stehenden Kleingeld-Sammelbecher zu legen. Doch er schlief nicht, tat nur wohl aus Verlegenheit so, hellwach schlug er seine geschätzt mittdreißig dunkelbraunen Augen auf, als er meinen raschelnden Griff in die papierne Einkaufstüte und in Folge die Litschis in seinen Pappbecher fallen hörte. Ich sagte nur im Weitergehen: „Die Schale davon aber bitte vor dem Essen abmachen“. Ich nickte ihm lächelnd zu und bereute meine wenigen Worte schon kurz später, es wirkte so unwichtig in diesem Moment. Er sagte noch „Danke“ im feinsten Hochdeutsch und sein kurzer Blick voller Dankbarkeit in meine Augen bestätigte mir, ihm trotz mangelnder Sensibilität meinerseits für seine Situation wenigstens für einen kurzen Moment in seinem Leben ein wenig weitergeholfen zu haben.

All die schönen und gestylten jungen Berger Straße-Touristen, die mir vorfreudig auf die Bornheimer Nacht-Kneipenwelt unseres Stadtteils auf weiterem Heimweg begegneten, laut lachend und sich unterhaltend, sie alle liefen gedankenlos und gleichgültig an ihm vorbei. Ohne den Fremden in der Fremde auf kaltem Boden liegenden auch nur einen einzigen Blickes zu würdigen, einfach so vorbei. An dem langen Bündel lebender Mensch. Eingemümmelt in einen Schlafsack, dicht umringt seiner Taschen und Tüten. So gedankenlos sind sie oft, die Touristen unserer Berger Straße. Noch schlimmer zu beobachten ist dies in den Sommermonaten auf der Berger Straße, wenn JunggesellInnenabschiede rufen. Ich kenne nicht einen einzigen hier im Stadtteil, der das schätzt.

Zurück zum heutigen Tag: Überall werden am „Valentinstag“ Kuchen und andere Kleinigkeiten gebacken, Blumen gekauft, Geschenke gemacht. Um Liebe zu bestätigen, zu fordern, zu bekommen. Nachdenklich ob dieser kurzen gestrigen Begegnung überlege ich aber: Würde nicht genügen, Menschen, wie von mir in diesem gestrigen kurzen Moment wahrgenommenem, einen Job zu geben, eine Aufenthaltsgenehmigung, Essen, Wärme? Ein Zuhause? Seine verbliebene Familie, seine Freunde, alles, was er in seinem Leben liebt? Keine Gewalt, keinen Krieg, keine Flucht, kein Heimweh? ….

An alle, die am heutigen Tag (der eigentlich komplett unwichtig ist) Dinge im Überfluss zubereiten oder kaufen: spendet das hierfür ausgegebene doch einfach mal. Ein einziger Blick der Menschen, die es wirklich am dringendsten brauchen, genügt oft als Dank. Für uns sind unsere Grundversorgungen selbstverständlich geworden. Mich macht das oft / immer nachdenklich.

Gestern Abend ärgerte ich mich später hier in der warmen Wohnung über mich, dem neuen Menschen in unserer Straße nicht einfach meine eigentlich vollkommen unnötig gekaufte und teure Ananas aus der Papiertüte gegeben (das wäre sicher besser gewesen, als eine Handvoll Litschis, weil mehr) oder ihn einfach hier nach Hause eingeladen zu haben. Bin zwar Vorurteilsfrei, aber ein ganz fremder Mensch direkt in meinem ganz persönlichen Wohnen? Das habe ich gestern Abend, wie so oft, nicht geschafft. Ich bewundere Menschen und habe tiefen Respekt vor ihnen, die dies aus Nächstenliebe tun und umsetzen.

Happy Valentine heute deshalb nicht allen Herzchenbackenden, sondern im besonderen Menschen, die verstanden haben, dass wir alle nicht ewig da sind, wo wir sind. Und anderen für diesen Aufenthalt eine Heimat geben, vielleicht überwinden sich andere und ich ja auch ja noch, wäre schön.

Damit dieser Beitrag am heutigen Tag jedoch wenigstens ein klein wenig Herz (seufz) hat am amerikanisch implizierten Tag: ich mag ja eigentlich schon immer den Karl dazu lieber. Auch wenn er zu Lebzeiten nie etwas damit zu tun hatte. Den Valentin Karl. Und sein Zitat „Fremd ist der Fremde ….“. Aber: Oops, das Urheberrecht seiner Zitate erlischt erst 2018, das verkneife ich mir dann doch lieber. Wie Blumen kaufen am Valentinstag.

Es gibt dennoch etwas „Herziges“: mein Foto eines Bio-Kohlrabi-Zwillings aus Garten 1, den ich am 20.08.2012 erntete. Für all die Großherzigen, die auch im Sinne Karl Valentins Fremde lieber anerkennen, als sie zu ignorieren. An einem Tag wie heute. Bitte. Danke. ❤

2012-08-20 Herzche

Herz-Zwillings-Kohlrabi aus Bio-Saatgut am 20. August 2012 in meinem Garten 1.

 

 

 

 

 

 

 

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23 Kommentare zu “Augenblicke

  1. Das geht wirklich ans Herz. Ich finde es schwierig, Geld zu spenden. Ich bin auch eher der Brötchen und Kaffee-Kaufer. Wobei ich sagen muss, dass ich schon oft reingefallen bin. Die interessanteste Situation war, als zur Weihnachtszeit ein Herr mit Schild und Kühlbox vor dem Supermarkt aufgetaucht ist, sich auf selbiger hinsetzte und sein Schild mit „Ich habe Hunger. Frohe Weihnachten“ hoch hielt. Ich habe ihm dann Fladenbrot und ein bisschen was für drauf besorgt. Er hat mich nur angeschaut, die Sachen in seine Kühlbox gelegt, sich wieder drauf gesetzt und das Schild gezückt. Keine Gesichtsregung – kein danke! Das fand ich wirklich toll. Das war bestimmt so in armes schwarzes Schaf, das von der ‚Bettler-Mafia‘ zum Geld eintreiben ausgesetzt wurde und mit Essen nichts anfangen konnte 😦 Traurig für jeden, der es nötig hat! Vor allem, wenn Menschen durch solche Aktionen aufhören, zu spenden!
    Liebe Grüße, Dina

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  2. Liebe Frau Pfefferschote,

    DANKE für diese Zeilen!

    Wir sehen das wie Du: die Menschen laufen einfach vorbei…. Warum? Das ist eine gute Frage! Ist es wirklich Nicht-Interesse? Oder Angst? Oder ist es die schlichte Oberflächlichkeit welche die meisten Menschen voll im Griff hat? Schwer zu sagen… Schade ist es auf jeden Fall!

    War er heute wieder da?

    Liebe Grüße
    AnDi

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  3. Das ist schön erzählt, eine Kleinigkeit bloß, das stimmt, aber er hat sich sicherlich doch gefreut. Wenn viele Menschen ein klein wenig abgeben, summiert sich das auch. Ich traue mich nie, in solchen Situationen das zu tun, was menschlich wäre – den Menschen einzuladen und mit ihm zu sprechen, und ärgere mich dann über meine Feigheit.

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  4. ich möchte dir nicht zu nahe treten … aber eine handvoll litschie ??!! Gut du sagtest ladenschluss – warum grhst du heute nicht noch mal hin . Warmer tee in einer kanne .. biz brot wurst käse ?!

    ich gehöre zu denen die so was sofort tun. Ich geh auch in die nächste beiz und hole eine tasse heissen tee oder cafe … aber am ehesten lade ich so jemanden zu einem warmen essen im restaurant ein . Tu es doch einfach .. weisst doch jetzt wo er ist!!!!!

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  5. Danke, dass du ihm etwas gespendet hast – ich tu mich auch immer leichter Nahrung zu spenden als Geld – wer schon auf der Straße lebt, sollte nicht auch noch sich betrinken (so meine Meinung). Dass es jetzt bei dir ausgerechnet Litschis waren, finde ich etwas lustig – die Ananas wäre aber noch lustiger gewesen. 🙂
    Aufgrund meines Mitarbeiter-Mangels habe ich auch schon oft überlegt, ob ich denen nicht einfach einen Job anbieten kann. (Mal davon abgesehen, dass die Hotelbesitzer und der Direktor auch noch was zu sagen hätten.) Andererseits habe ich mal gelesen, dass eigentlich niemand auf der Straße leben muss – es gibt wohl genug Hilfsstellen. Wie und wo und so – keine Ahnung.
    Traurig ist es, ja! Und diese Jugend von heute, die hat auch alles andere als Mitgefühl, die kümmern sich nur um ihr Aussehen und um ihre Handys. 😦

    Gefällt 2 Personen

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