Ein unvergesslicher Rinderbraten (Niedertemperatur).

Ab und an gönne ich mir den Luxus, eine Reinigungsfachkraft in der Altbauwohnung antreten zu lassen. Nach einer kleinen Grundreinigung hat man es dann doch im Alltag wesentlich leichter. Da in der nächsten Zeit auch eher Schonung der Hausherrin angesagt sein wird, war es wieder soweit: ich startete einen Hilferuf via Handy und meine Putzfee – ich kürze sie nun der Einfachheit halber „Rfk“ für „Reinigungsfachkraft“  ab – rückte direkt am nächsten Tag an.

Sie ist eine zierliche, gebürtige Russin, so um die 60 Jahre alt, aber flink und behende wie ein junges Mädchen. Noch etwas kleiner als ich, klettert sie jedoch, im Gegensatz zu mir, auch schwindelfrei auf die höchste Stufe der Aluleiter, die ich dann immer dem Nachbarn vom Balkon stibitze. Das macht bei einer Deckenhöhe von 3.20 m absoluten Sinn. Und: Rfk spricht sehr gut deutsch. Manchmal auch zu gut, der ein oder andere Plausch unterbricht gerne ihre Tätigkeiten. Und bisweilen dann auch meine…

Der Tag begann gut, ein weiteres Objekt der Begierde zur tiefgekühlten Vorratshaltung fertig gekochter Speisen, die später nur noch im Wasserbad aufgetaut und erwärmt werden müssen, wartete bereits im Null-Grad-Fach meines Kühlschranks: ein wundervoller Rinderbraten der 1-Kilo-Klasse plus bereits klein gehackte Knochen, aus denen ich einen Saucenfond zubereiten wollte. Beides vom Bauernhof-Metzger meines Vertrauens, der seine Tiere weitgehend Jod-frei ernährt und auch Wurstwaren nur mit konventionellem Speisesalz herstellt, ganz nach meinem Geschmack also.

Mein Zeitplan für den Tag, auf den mein Magen und ich uns seit Tagen freuten, sah grob umfasst so aus:

  • 12:00 Uhr: Fond ansetzen, zwei Stunden köcheln lassen
  • 14:00 Uhr: eintreffen von Rfk, Braten zum niedertemperierten Garen bei 120 Grad ab 15 Uhr in den Backofen schieben – er sollte zart werden.
  • 17:00 Uhr geht Rfk, ich bereite Semmelknödel und eine Gemüsebeilage zu
  • 18:00 Uhr: das Abendessen ist fertig, ein gelungener Tag.

Alles war also perfekt durchgeplant. Ich angelte meinen großen Marmeladen-Topf aus der Speisekammer, briet darin die Knochen um 12:00 Uhr in reinem Kokosfett scharf an und gab alles, was das Gemüsefach an Resten noch hergab, grob geschnitten hinzu: Stangensellerie, 1/4 Knollensellerie, zwei Möhren, 1/2 Paprika (rot), eine Gemüsezwiebel, eine komplette Knolle lila Knoblauch (Frankreich), löschte alles halb und halb mit Rotwein und Gemüsebrühe (Rotwein pur ist zu Jod-haltig für mich, also musste ich strecken) ab, würzte mit 5 Lorbeerblättern, 1 TL Wacholderbeeren, gemahlenem Kümmel, Piment, Nelken und Pfeffer. Der Topf köchelte auf dem Herd vor sich hin, der Zeitplan saß.

Zumindest bis 13:53 Uhr, das Mobiltelefon klingelte. „Ja, Hallo, bist Du es? Ich wollte nur sagen, dass meine Bahn fuhr vor Nase weg und nächste kommt erst in halber Stunde. Ich werde also später da sein.“ tönte es aus dem kleinen Lautsprecher am Ohr. Schnell überschlug ich geistig meine Rinderbraten-Tag-Zeitrechnung. Ok, es könnte trotzdem alles klappen, wie geplant. „Kein Problem, kommst Du halt etwas später, ich bin ja da“, entgegnete ich ihr.

Zur Erinnerung: ab 14:00 Uhr sollte der Rinderbraten im Bräter angebraten werden und das erledigte ich recht fix. Salzen, pfeffern, anbraten, Fond durch ein Sieb hinzugeben, Bratenthermometer in das gute Stück stecken, Deckel drauf und ab in den vorgeheizten Backofen für geschätzte 3 Stunden. Perfekt ist Rinderbraten, wenn er eine Kerntemperatur von 80 bis maximal 85 Grad aufweist.

Mittlerweile knurrte mein Magen laut und deutlich, außer Frühstück und Fond abschmecken gab es bisher noch nichts für ihn. Also schälte ich mir um 14:21 Uhr eine Banane, aß sie, stürzte ein Glas Saft hinunter und wartete auf Rfk. Pünktlich um 14:35 Uhr klingelte es an der Tür, ich betätigte den Türöffner. Während ich in die Nachbarwohnung huschte, um dort auf dem Balkon mit der Leiter zu kämpfen, hörte ich sie die Treppe herauf laufen und dann meine bis dahin offene Wohnungstür zugehen. Äh. Zugehen? Himmel, ich hatte keinen Schlüssel dabei, stand also in Gesellschaft einer Riesenleiter vor der eigenen Tür und kam nicht mehr hinein.

Dafür hörte ich Rfk mit mir durch die geschlossene Tür reden: „Hallo, wie geht es Dir nach viel Stress in letzten Wochen (bezogen auf gesundheitliche und andere Probleme)? Ist alles wieder klar? Es tut mir leid wegen Bahn, Türen gingen vor Nase zu. Wo kann ich Jacke hinhängen?.“ Ich hätte ja gerne geantwortet. Wenn nur die Tür nicht zu gewesen wäre. Mutig klopfte ich also bei mir an und keine andere, als meine heiß geliebte Rfk bereitete mir nach weiter vergangener Zeit Zugang zu meiner Wohnung. „Oh, da bist Du, ich habe mich gewundert, wo bist Du“ rief sie aus und ließ sich zu einem gemütlichen Plausch in meiner Küche nieder. Voller Lebensweisheiten ist sie und ich schätze Gespräche mit ihr mittlerweile sehr. Schon die ein oder andere russische Weisheit wie „Wer Steine wirft, sollte sie auch aufheben können“ und „Alles hat seinen Sinn im Leben, auch wenn es manchmal nicht gut tut“ ersetzte an so manchem Putztag mehrere Psychologen-Besuche.

In unseren Plausch vertieft, klingelte die von mir gestellte Eieruhr erstmals. Ein kurzer Kontrollblick in den Backofen verhieß nichts Gutes: der Braten hatte sich etwas verformt, war gekippt und das Thermometer machte im Fond sein Seepferdchen. Ich unterbrach also den Redefluss, fischte den Braten aus dem Bräter, wendete ihn und steckte ihm das Thermometer in die andere Seite. Deckel wieder drauf, zurück in den Ofen, um 15:00 Uhr begann Rfk mit dem Bad. Aber gründlich. Äußerst gründlich. Sie balancierte die große Leiter in das kleine Bad und putzte, was das Zeug hielt. Wände, Decke, Fenster unterhalb Decke zur Küche von innen und außen. Natürlich hätte ich die Zeit allein in der Küche nutzen können und mich um Semmelknödel-Vorbereitung kümmern, aber irgendwie waren noch einige Briefe und Mails zu erledigen und so verging die Zeit.

Um 16:23 Uhr häuften sich zerknäulte Küchentücher vor der Badezimmertür im Flur und ich schälte mir meine zweite Banane. Immer einen großen Bogen ums Bad machend – wohl wissend, dass es sonst wieder in ausgiebige Kommunikationen ausarten würde – sah ich nach dem Braten, die Kerntemperatur stieg mittlerweile auf paarundfünfzig Grad, es sah gut aus. Rfk kam plötzlich blass aus dem Bad. Ihr sei etwas schwindlig, sie müsse jetzt erstmal trinken. Ich reichte ihr meine letzte Banane dazu und bat sie, sich kurz zu setzen und Pause zu machen. Und schon waren wir wieder in einen Plausch über das Leben an sich vertieft, vergessen waren Knödel, Gemüsebeilage und der Ofenbraten. Sie wendete sich danach der Bodenpflege zu und ich schmierte mir, mittlerweile fast der Ohnmacht vor Hunger nahe um 16:37 Uhr ein Brot.

Abermals klingelte um 17:00 Uhr die Eieruhr, der Braten hatte allerdings immer noch erst 72 Grad erreicht. Also, wieder rein in den Ofen, zwischendurch einige Anrufe erledigen, die Zeit verging wie im Fluge. Rfk beschäftigte sich mittlerweile mit Flur und Toilette inklusive Bodenpflege, alles war gut. Außer mein Magen, er hing mir gefühlt mittlerweile irgendwo zwischen den Kniekehlen.

Natürlich hätte ich nun, um 17:15 Uhr jetzt endlich mit den Beilagen beginnen können. Auf Anregung aus dem Netz befasste ich mich zum Abbinden der Sauce jedoch vorerst mit der Zubereitung einer Mehlbutter (Beurre manié). Wer à-la-minute wie ich an diesem Tag kochen wollte, sollte so etwas unbedingt im Kühlschrank haben, stand im Internet.

Ich rührte also mit dem Schneebesen Butter schaumig, versenkte die gleiche Menge (Gewicht) an Mehl darin, füllte die so gewonnene Masse in eine Vorratsdose, stellte sie zur Schnellkühlung in das Null-Grad-Fach und befand diesen Plan als sehr gelungen. Auf den Punkt würde das Essen um 18:00 Uhr auf dem Tisch stehen. Auf den Punkt würde die Sauce gebunden werden, noch nie war ich mir dessen so sicher, wie an diesem Tag.

Bis Rfk samt Riesenleiter plötzlich um 17:33 Uhr in der Küche stand, sie direkt vor meinem Backofen aufstellte und damit begann, die Küchenschränke von oben zu putzen. Nervös um sie herum tänzelnd, schließlich möchte man nicht unhöflich sein und sie wegschicken, fischte ich eine Packung Bio-Fertig-Semmelknödel (schluchz) aus dem Apotheker-Schrank und weichte 6 Stück mittels gezapftem Wasser aus dem Bad in einem Kochtopf ein, an die Küchen-Spüle kam ich auch nicht mehr heran. Griff eine Packung TK-Bio-Butter-Gemüse (heul) aus dem Tiefkühler, gab sie in einen kleineren Topf und schwarwenzelte mit besorgtem Blick in den Ofen immer wieder um die Leiter. Der Deckel meines Bräters ist zwar aus Glas, ich vermochte trotzdem nicht, auch nur annähernd eine Temperatur auf dem Thermometer ablesen zu können und ahnte fürchterliches.

„Kannst Du bitte Leiter kurz halten?“ fragte Rfk unerbittlich. Aber sicher doch, ich hatte ja Zeit. Und bleibe seit einiger Zeit auch in Krisensituationen dank gewisser (Schilddrüsen-)Medikamente wieder die Ruhe selbst. Geduldig sah ich ihr von unten zu, sie putzte die Küchenschränke von oben, auf den Seiten, sie putzte über eine Pheromon-Mottenfalle (es gibt in meiner Nähe viele Bäckereien, sie kommen durch die offene Küchen-Balkontür gerne mal auf einen Kaffee vorbei), sie putzte nochmal über die Mottenfalle, sie putzte 5 mal über die Mottenfalle, bis ich sagte, dass dort eine Mottenfalle hinge. „Oh. habe ich nicht gesehen, wo hast Du gekauft? Ich kaufe immer in Reformhaus.“ Und schon waren wir wieder ins Gespräch vertieft, ich unten an der Leiter, sie, wie ein Wetterfrosch, oben auf der Leiter.

Endlich blitzten die Schränke wieder, erleichtert dachte ich gegen 17:56 Uhr „Hurra, Braten und Abend sind gerettet!“, da öffnete Rfk alle Schranktüren und erklärte, dass man die Schränke nach außen abwischen auch immer innen putzen müsse. Es könne ja etwas hinein gelaufen sein. Innerlich hakte ich gegen 18:13 Uhr mein Essen ab, äußerlich hielt ich tapfer weiterhin mit der rechten Hand die Leiter und schaltete mit der linken die Herdplatten für Gemüse und Semmelknödel ein. Während beides zu kochen begann, war Rfk auch fast mit den Innenwänden sämtlicher Schränke fertig.

Es gab noch einen letzten Hoffnungsschimmer für meinen Magen, der sich mittlerweile wieder lauter zu Wort meldete. Die zum Essen aufgestellte Kerze auf dem Tisch war bereits zur Hälfte herunter gebrannt, es war 18:30 Uhr, als Rfk sich mit einer längeren Unterhaltung und Umarmung von mir verabschiedete, ich das nun zu einer Konsistenz von Babybrei verkochte Gemüse vom Herd zog, die Knödel aus ihrem Plastik (würg) pellte und den Braten endlich aus dem Ofen ziehen konnte. Ein kurzer Blick genügte: 90 Grad Innentemperatur.

„Egal“, knurrte mein Magen mich an, „wir essen es trotzdem“. Völlig entkräftet fischte ich den Braten aus der Sauce, stellte ihn in einer Glasschüssel im Ofen warm, gab der wohlriechend duftenden Flüssigkeit noch einen Schluck Rotwein (für Geschmack und meine Nerven), kochte sie auf, holte die vorbereitete Mehlbutter aus dem Kühlschrank, gab nach und nach unter Rühren des Schneebesens etwas davon hinein und bewunderte den plötzlichen Grauton meiner Sauce.

Geschmacklich fehlte es ihr an nichts, aber Mehlbutter zum Abbinden war für diese Menge und vor allem dunkle Sauce wohl doch nicht das Wahre. Ehrlich gesagt tut mir die Schulter vom langen Rühren auch heute noch weh, bei 1,5 Litern Flüssigkeit sollte man dann doch zukünftig besser auf andere Bindemittel zurück greifen. Egal, es hat – bis auf Knödel und Gemüse – hervorragend geschmeckt und Wohnung, sowie Tiefkühl-Vorratshaltung sind nun für die kommenden Tage vorbereitet.

Nachtrag: Abends gegen 19:00 Uhr aß ich dank meines zwischenzeitlich zusammen gezogenen Magens nur die Hälfte meiner Portion, dafür landete aber als Entschädigung am nächsten Morgen eine saftige, trotz zu hoher Kerntemperatur absolut zarte Scheibe davon nebst Sauce zwischen zwei Scheiben Toast. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Wir lesen uns Ende der Woche wieder, bis dahin. 🙂

Bilder

 

 

 

 

 

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6 Kommentare zu “Ein unvergesslicher Rinderbraten (Niedertemperatur).

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